Sonntag, Oktober 01, 2006
Lemuria und die Menschenaffen
Nach der Begründerin der Theosophical Society, Helena Blavatsky, lebte der erste Mensch auf dem Kontinent Lemuria, er war “ein ungeheurer vortertiärer Riese”, der “vor achtzehn Millionen Jahren existierte”, war doppelgeschlechtig, vierarmig und mit drei Augen ausgestattet, das dritte für “geistiges Schauen”. Aus ihm entwickelten sich dann durch Sodomie die Menschenaffen. Lemuria habe sich schließlich in Einzelteile aufgespalten und wurde dann durch “unterirdische Feuer” zerstört. Teile der okkulten Rassentheorien Helena Blavatskys hatten auch die Rassentheorien der sogenannten “Ariosophen” beeinflusst - die bedeutendsten Vertreter waren zwei Österreicher: der Schriftsteller Guido von List und der Mystiker Adolf Lanz, der sich selbst Jörg Lanz von Liebenfels nannte - und wirkten sich durch diese vermittelt auf die Weltanschauung der Nationalsozialisten aus, die das Motiv der “lemurischen Rassenmischung” aufgriffen und es antisemitisch umdefinierten. Später spielte Lemuria bei der amerikanischen Ufo-Sekte der “Unarier” eine Rolle. Sie wurde von Ruth Norman gegründet, die sich selbst “Erzengel Uriel” nannte. Die Religionssoziologin Diana Tumminia schreibt, dass die Sekte 1976 in den “Lemurian Cycle” eintrat. Im Verlaufe von Gruppensitzungen, den “Readings”, “erinnerten” sich Sektenmitglieder an frühere Leben in Lemuria, auch daran, dass lemurische Herrscher die Massen durch in die Stirn implantierte elektronische Geräte kontrollierten und die Menschen dadurch nur ein Leben willenloser Roboter führten. Ursula Seiler reichert die Geschichte mit einem eigenen Element an: “Die Geschlechtskrankheit der Syphilis entstand übrigens auch auf Lemuria.” Doch sie weiß angeblich noch mehr: Die Wiege der Menschheit stehe mit Sicherheit nicht in Afrika, auch wenn sehr alte Skelette dies vermuten ließen. Als Beleg dafür wird sogar Haeckel zitiert. “Der Naturforscher Ernst Haeckel lag schon im 19. Jahrhundert bemerkenswert richtig mit seiner These: ‘Die Entwicklung des Urmenschen erfolgte entweder in Südasien oder Lemurien’.” Der entsprechende Text Haeckels ist ein Abschnitt aus seinem 1865 gehaltenen Vortrag ‘Stammbaum des Menschengeschlechts’. Dort heißt es: “Derjenige Theil der Erdoberfläche, auf welchem die Entwicklung des Urmenschen aus dem nächststehenden schmalnasigen Affen erfolgte, scheint entweder in Südasien, oder in Ostafrika, oder in Lemurien gesucht werden zu müssen.” Während Haeckel ausdrücklich Ostafrika als mögliche Region der Entstehung des Menschen aus dem Affen anführt, verfälscht sie den Text durch Weglassen dieser Passage, um genau das Gegenteil, nämlich den Ausschluss Afrikas, in Form eines “Autoritätenbeweises” zu belegen.
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